Bakterien beeinflussen unser Gewicht.

Und das ist gut so...

Ca. 2 kg unseres Körpergewichts wiegen unsere kleinen Untermieter im Darm – Bakterien. Hintergrundinfo: Bakterien können auch an anderen Stellen im Körper sein, z.B. im Blut. Dort sind sie hingegen völlig unerwünscht. Bakterien im Darm sind keinesfalls eklig oder gesundheitsschädlich. Im Gegenteil! Menschen mit einer möglichst großen Vielfalt der richtigen Bakterien sind seltener krank und sogar schlanker.

Bifidobakterien und einige Lactobacillen gehören zu den "Schlank-Bakterien". Sie vermehren sich dort besonders gerne, wo das Nahrungsangebot reich an sogenannten präbiotischen Lebensmitteln ist. Dies sind Lebensmittel, die natürlicherweise Stoffe enthalten, die von uns selbst nicht verdaut werden können und bis in den Dickdarm gelangen. Dort freuen sich die Schlank-Bakterien darüber und können sich vermehren.

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Darmbakterien spielen bei Gewichtsproblemen offensichtlich eine Rolle. Mit der richtigen Ernährung lässt sich die Darmflora in Richtung „schlank“ programmieren.

In unserem Darm leben hundert Billionen Bakterien. Das sind tausendmal mehr Keime, als unsere Galaxie Sterne hat! Obwohl die einzelnen Darmbakterien winzig sind, bringen sie in ihrer Gesamtheit immerhin fast zwei Kilo auf die Waage und sind damit deutlich schwerer als die meisten Organe. Ihr Einfluss auf unseren Körper ist deshalb auch immens. Sie steuern unsere Verdauung, beeinflussen unsere Stimmung und trainieren das Immunsystem. 

„Ganz neu ist die Erkenntnis, dass Darmbakterien auch bei unserem Gewicht ein Wörtchen mitreden und darüber entscheiden, ob wir mühelos schlank bleiben oder immer wieder mit überflüssigen Pfunden zu kämpfen haben“, erklärt Dr. med. Michaela Axt-Gadermann, Professorin für Gesundheitsförderung an der Hochschule Coburg. „Die Keime entscheiden, wie viel Energie wir aus der Nahrung ziehen.“

Für alle, die nur belächelt werden, wenn sie behaupten, dass sie von ganz normalem Essen zunehmen und einfach gute Futterverwerter seien, gibt es nun Genugtuung. Denn ein fast skurriler Zufall liefert jetzt den Beweis, dass manche Menschen tatsächlich stärker zunehmen als andere, obwohl sie nicht mehr essen. Der Grund dafür scheint in der Zusammensetzung der Darmflora zu liegen – und die kann man beeinflussen. Der Fall einer amerikanischen Mutter sorgte kürzlich für Schlagzeilen: Schon lange litt die Frau unter einer gefährlichen Darminfektion, die die Ärzte auch mit Hilfe von Antibiotika nicht in den Griff bekamen. Schließlich entschlossen sich die Mediziner zu einer Stuhltransplantation. Dabei werden Darmbakterien eines gesunden Spenders mit Hilfe einer Nasensonde dem Patienten eingeflößt. In den meisten Fällen bekämpfen dann die „guten“ Keime im „Spenderstuhl“ die aggressiven im Patientendarm und vertreiben diese ein für alle mal. Der damals 32-jährigen Frau wurde Stuhl ihrer gesunden, aber deutlich übergewichtigen Tochter verabreicht. Zu diesem Zeitpunkt war die Mutter normalgewichtig, sie wog 61 Kilo und hatte keinerlei Figurprobleme. Das änderte sich schlagartig. Zwar vertrieben die neuen Darmbakterien erfolgreich die Keime, aber sie packten auch ständig neue Kilos auf Bauch und Hüften der 32-Jährigen. Nach 16 Monaten wog die Frau schon 77 Kilo und war nun stark übergewichtig. Trotz strenger Diät und Bewegung, die ihr von den Ärzten verordnet wurde liegt ihr Gewicht drei Jahre nach der Stuhltransplantation bei mehr als 80 Kilo. Offensichtlich verhindern die neuen Bakterien im Darm der Frau konsequent jeden Gewichtsverlust durch eine besonders effektive Ausnutzung der Nahrungskalorien. Die junge Mutter wurde von einem normalen „Futterverwerter“ zu einem besonders guten! 

In den Därmen übergewichtiger und schlanker Menschen fanden Forscher tatsächlich deutliche Unterschiede in der Darmflora. An der Zusammensetzung des Bakteriengewimmels kann man erkennen, ob es jemandem leicht fällt, schlank zu bleiben oder ob er zu Übergewicht neigt. Bakterien aus der Gruppe der Firmicutes lassen uns schnell moppelig werden. Haben sie das Sagen, zieht unser Körper Tag für Tag 150 bis 200 Kalorien mehr aus der Nahrung. Jedes Jahr wandern dadurch rund 10 Kilo Gewicht auf die Hüften. Rank- und Schlank-Bakterien aus der Gruppe der Bacteroides oder Bifidumbakterien helfen uns hingegen beim Abnehmen. Wichtig ist laut Axt-Gadermann auch eine abwechslungsreiche Mischung der Darmflora, denn je vielfältiger unsere Darmflora, desto größer ist die Chance, schlank zu werden oder zu bleiben. Doch bei 25 Prozent der Menschen in Industrieländern ist die Darmflora laut Aussage von prof. Axt-Gadermann verarmt und besteht nur aus wenigen Stämmen – das bedeutet eine Gefahr für Figur und Gesundheit.

„Wie sich die Keime im Darm zusammensetzen hängt zum großen Teil davon ab, was wir essen“, mahnt die Expertin. Das richtige „Bakterienfutter“ (Präbiotika) finden wir z.B. in Äpfeln (mit Schale), in etwas unreifen Bananen, Spargel, Lauch, Zwiebeln, Kaffee oder Haferflocken. Diese und andere „präbiotische“ Nahrungsmittel stärken die Rank- und Schlank-Bakterien.

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Unser Darm verdaut nicht nur unsere Nahrung, er „denkt“ auch mit und beeinflusst unsere Gefühle, unsere Stimmung und sogar unseren Appetit.

Der Volksmund weiß schon lange, dass Bauch und Kopf gut zusammen arbeiten. Nicht umsonst spricht man von „Bauchentscheidung“ oder „Bauchgefühl“. Sind wir sauer, haben wir „Wut im Bauch“, bei Freude sind es „Schmetterlinge“. Und die richtigen Keime im Darm stärken sogar unsere Widerstandskraft gegen Stress. 

Erhielten Studienteilnehmer einen Monat lang ein probiotisches Präparat mit Bifidusbakterien und Lactobazillen, fühlten sie sich nicht nur subjektiv wohler, sie waren auch weniger ängstlich und gestresst. Sogar der Stresshormonspiegel sank messbar ab. Schaute man dann mit Hilfe bildgebender Verfahren den grauen Zellen bei der Arbeit zu, ließ sich feststellen, dass die „guten“ Bakterien sich auch nachweislich positiv auf die Gehirnaktivität auswirkten. 

Doch wie „sprechen“ Darm und Gehirn miteinander? „Beide stehen über Nervenbahnen und Botenstoffe miteinander in enger Verbindung“, erklärt Prof. Dr. Michaela Axt-Gadermann. Die Medizinerin lehrt an der Hochschule Coburg im Studiengang Gesundheitsförderung. „Immerhin verfügt der Verdauungstrakt über mehr als 100 Millionen Nervenzellen und ist über die „Datenautobahn“ des Nervus vagus direkt mit der Schaltzentrale im Kopf verbunden.“ Auch die Darmbakterien melden unermüdlich an das Gehirn, ob wir Angst, Freude oder Hunger empfinden. Dazu produzieren sie Signalstoffe, die durch die Darmwand hindurch Informationen senden. Über diese Hormonschiene kann die Darmflora weit über ihr Refugium hinaus Einfluss auf den gesamten Körper nehmen. Denn die von der Schaltzentrale im Darm ausgeschütteten Botenstoffe erreichen auf dem Blutweg jede Ecke in unserem Körper von der Fettzelle am Bauch bis zum Appetitzentrum im Gehirn. Nicht immer stimmen die Interessen der Darmbakterien mit unseren überein. Doch Dr. Axt-Gadermann ist sich sicher: „Welche Bakterien im Darm das Sagen haben und welche Botenstoffe bevorzugt ausgeschüttet werden, haben wir zum großen Teil selber in der Hand, denn das hängt davon ab, was wir essen.“ 

Sind die Helfer im Darm ausreichend mit Nährstoffen versorgt, melden sie Sattheit an das Hungerzentrum im Kopf. Doch nicht jedes Essen ist in der Lage, dieses Signal auszulösen, denn nicht alles, was wir zu uns nehmen, gelangt auch zu den Keimen, die vor allem im Dickdarm leben. Leicht verdauliche Nahrungsmittel wie Weißbrot, Kuchen, Hamburger oder Pommes werden schon viel weiter oben im Darm resorbiert. Im Dickdarm kommt dann nicht mehr viel an, weshalb die Darmflora noch weiter nach Nahrung ruft. Wir geben ihr nur allzu gerne nach, obwohl wir schon mehr als genug gegessen haben. 

Um gut versorgt zu werden, benötigen unsere Darmkeime Ballaststoffe und spezielles Bakterienfutter, so genannte „Präbiotika“. Präbiotika, zum Beispiel das Inulin, sind in natürlichen Lebensmitteln wie zum Beispiel Chicorée, Schwarzwurzeln oder Topinambur enthalten. Sie können von den Verdauungsenzymen nicht aufgeknackt werden und landen deshalb weitgehend unverändert im Dickdarm. Dort veranlassen sie die Ausschüttung von Sättigungshormonen. Das ließ sich auch im Rahmen von Studien nachweisen: Erhielten die Teilnehmer ausreichend Präbiotika, stiegen im Blut die Sättigungshormon an, während Appetithormone sanken. Die Teilnehmer bemerkten schon nach wenigen Tagen, dass sie weniger Hunger hatten. Innerhalb von einigen Wochen nahmen Fettanteil und Gewicht sowie der Taillen- und Hüftumfang ab – und das alles ohne zusätzliche Diät.